
Peter Rogiers 'Whispers', 2008, Aluminium, outdoor-wood, 85 x 100 x 130 cm / Courtesy: Galerie Thomas Schulte, Berlin
Annegret Beck für creative face Magazin
Peter Rogiers, geboren 1967 in Antwerpen, lebt und arbeitet heute nahe Löwen in Belgien. Zurzeit zeigt er in seiner ersten umfangreicheren Soloausstellung in Deutschland in der Galerie Thomas Schulte, Berlin drei neue Skulpturen.
Die figurativen Skulpturen Peter Rogiers', die sich zwischen lesbarer Figuration und Abstraktion bewegen, zeigen zugleich hohes handwerkliches Können und eine innovative Bildsprache, in der unfehlbar und einzigartig die künstlerische Handschrift und ausgeprägte Individualität lesbar sind. Und es fällt ganz besonders auf, dass die künstlerische Schaffenskraft einer großen Freude am Schaffensprozeß zu entspringen scheint.
Rogiers's ausdrucksstarke und ‚hybride' Bildsprache basiert einerseits auf der Kenntnis europäischer kunsthistorischer Tradition, andererseits schöpft sie aus Quellen der Subkultur wie z.B. Comicstrips und des Films. Seine dreidimensionalen Werke verführen geradezu zum Betrachten und länger Verweilen mit ihrer spielerischen Ironie, mit der sie zahlreiche bildliche und auch sinnliche Assoziationen erwecken. Und sie zeichnen sich vor allem durch ihre beeindruckende räumliche Präsenz aus mit ihren perfekt ausbalancierten Massen und der ihnen eigenen dynamischen Kraft. Was diese Skulpturen so faszinierend macht ist, dass ihre Dreidimensionalität immer auf die Dreidimensionalität des sie umgebenden Raumes trifft, und so erscheint es bei der Betrachtung der Skulpturen Rogiers', als würde man wirklich einem sich bewegenden Körper in dessen Interaktion mit dem ihn umgebenden Raum zuschauen. In einem Interview mit dem Direktor des Middelheim Museums (Antwerpen) beschreibt Rogiers, wie er besonders nach der Betrachtung von Werken des Barockkünstlers G.L. Bernini die physische Realität des Raumes gespürt habe, den es in der künstlerischen Umsetzung zu erobern gelte - eine Skulptur zu schaffen, sei beinahe wie mit den Gegebenheiten Schach zu spielen.
In der ausgestellten Skulptur Whispers beispielsweise ist der Futurismus mit seiner Bewegung, Kraft und Geschwindigkeit als Inspirationsquell spürbar. Sie wirkt unvollendet, deformiert und zugleich kraftvoll energiegeladen, wie in einer schnellen Bewegung begriffen mit ihrem voranstrebenden Kopf und ihren gedrehten, gewundenen Formen. Und doch gibt es einen Bruch in der Einheit dieser Skulptur, einen Bruch, der den Kopf, der nur an einem kleinflächigen Punkt an den Körper angesetzt ist, von dem kontrastierenden Rest der Skulptur mit ihren abgeschnittenen Beinen trennt. Auf die Ecke eines rechteckigen hölzernen Sockels aufgesetzt, mit dem die Skulptur aus Aluminium auch materiell kontrastiert, wirkt der Körper schwer, erdgebunden in seiner Verbindung mit dem Sockel - und dennoch scheint im selben Moment auch der Körper, und ganz gegen den Gestus der abgeschnittenen Beine, eine Bewegung wie aus seinem tiefen Inneren heraus zu generieren, die in alle Richtungen auszubrechen sucht. Schaut man länger, so zerfällt die Skulptur im Auge des Betrachters in drei Teile, den Sockel, den Korpus und den beinahe davonfliegenden Kopf, um jedoch schon im nächsten Augenblick, wie durch Magnetismus voneinander angezogen, wieder zu einem Ganzen zusammenzuschmelzen. Jene metallisch glänzenden, gerundeten, in sich gedrehten Formen der Skulptur, die mit scharfen Kanten kontrastieren, wie auch die Skulptur selber in Material und Form wieder mit dem Sockel kontrastiert, auf dem sie verankert ist, muten seltsam energetisch-kraftvoll an und kalt und still zugleich.
Betrachtet man die Skulpturen Rogiers' aus unterschiedlichen Blickwinkeln, so kann man wirklich erfühlen, wie die kreative Eingebung des Künstlers oszilliert haben mag zwischen Übertreibung, Kitsch und der Erzeugung einer interessanten Spannung. Nie wird Rogiers wirklich eindeutig, illustrativ und er schafft es, vor unserem Auge visuelle Explosionen entstehen zu lassen. Es ist als würden wir in der Betrachtung mit etwas Amorphem flirten, wir entdecken, assoziieren und verwerfen wieder, unser Auge zeichnet neugierig Konturen nach, streicht über Oberflächen unterschiedlichster Formen, Betrachten wird zum sinnlichen Genuß. Wir entdecken Dinge, die wir vielleicht mit bekannten Figuren assoziieren, ja sogar Sprechblasen haben ihre Form gefunden, sind buchstäblich plastische Realität geworden. Die künstliche Farbe der Kunstwerke, sattes Grün oder Weiß, mag den Betrachter verunsichern und siedelt die Skulpturen im Unbestimmten an. Und nicht nur die Farbe ist künstlich, auch viele der von Rogiers verwendeten Materialien sind synthetisch, wie Epoxidharz, Polyester, Polyurethanschaum u.s.w. Mit einer einzigen Farbe überzogen, verschmelzen die unterschiedlichen Materialien und zusammengefügten Teile der Skulpturen zu einem harmonischen Ganzen.
Vielleicht müssen Erkenntnisse erst geleugnet, die Dinge demontiert werden, bevor etwas Neues geschaffen werden kann. Rogiers' kreativer Prozess vollzieht sich nach dem Prinzip der Collage, der Fragmentierung und des neu Zusammensetzens. Einmal gefundene Motive können immer wieder auftauchen: Rogiers collagiert Teile seiner Skulpturen, indem er sie in nachfolgenden Arbeiten wieder aufnimmt, dabei aber in einen anderen Kontext einbindet. Dies mag Ausdruck für die Suche des Künstlers nach einer Technik sein, die bereits im Schaffen einer Skulptur den Keim für ein nachfolgendes neues Werk säht, wie in einem sich selbst erneuernden Schaffensprozess, welcher die ideale Gestalt wie von selbst angetrieben hervorbringt. Vielleicht jedoch glaubt der Künstler dabei nicht an ein ideales Menschenbild, sondern sieht in dem Menschen vielmehr ein manipulierbares und wehrloses Objekt, in einem Angstkrampf um Selbsterhaltung gefangen, wie der Kritiker L. Lambrecht schreibt. Zweifellos aber sucht Peter Rogiers in seinem authentischen künstlerischen Schaffensprozess nicht bloß nach ästhetisch visueller Erfüllung - mit den konkreten Mitteln der Kunst sucht er danach, unser tiefstes Inneres zu berühren.







