„Eigentlich bin ich ganz anders", heißt es in Ödön von Horvaths Komödie „Zur schönen Aussicht". „Aber ich komme so selten dazu". Ganz anders zu sein heißt für uns im Allgemeinen, ganz „ich selbst" zu sein. Das „Ich" ist immer Schein, sobald es Zentrum der Betrachtung wird. Jonathan Meese ist der Superstar der deutschen Kunstszene, seine Werke sind symptomatisch für eine Kunst, die das Ich zu ihrem Epizentrum macht.
Die Kunstkritiker wehren sich, seine Kunst anzunehmen. Sie tun die kindlichen Schmierereien, die schrottigen Bühnenbilder und die spielerischen Performances als Dilettantismus und Stümperei ab. Ist der Mann also ein Spinner, weil er vorgibt, am Umsturz der Dinge zu arbeiten?
Schein und Wahrheit - mit diesen Begriffen operiert auch Friedrich Nietzsche. Die Welt ist wahr, wenn wir sie als Schein begreifen. Sobald wir den Schein abschaffen, schaffen wir die Welt ab. Was macht also das Ich aus der Kunst bei Jonathan Meese? Das fragte die Kulturjournalistin Karolina Wrobel den Künstler vergangenes Jahr. Der erzählte ganz offen über sich, sein Ich und was es mit der Diktatur der Kunst auf sich hat. Ein Gespräch in drei Teilen:
1. The Revolution Is Coming
2. A Personal Insight
3. Meese On Criticism
1. Teil: The Revolution Is Coming
KW: Wenn man Dich bei Deinen Kunstaktionen erlebt, entsteht der Eindruck, Du würdest das leben, was Du da tust. Unterscheidest Du eigentlich zwischen Bühne und dem authentischen Menschen?
JM: Ja, absolut. Das eine hat mit dem anderen ja nichts zu tun. Das ist eine ganz strikte Trennung. Das kriegen viele auch nicht so mit.
KW: Man hat aber nicht das Gefühl, dass Du ein ganz normales Leben hast - dass Du auch mal zum Zahnarzt gehst. Wie sieht der Alltag bei Dir normalerweise aus?
JM: Stinknormal. Ich glaube, noch viel normaler, weil viel ermatteter und müder als bei anderen. Ich will ja im Leben nichts erleben. Das interessiert mich gar nicht. Ich möchte schlafen, Kaffee trinken und mal aufs Klo gehen und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Mich erschöpfen, das Leben hat keinen Erlebnisstatus für mich, oder für die Sache. Alles Relevante muss auf der Bühne stattfinden, weil die Bühne stärker ist, als das Leben. Deshalb soll alles Starke auf der Bühne stattfinden.
KW: Gerade Deine Kunst lebt mit ihrer Atemlosigkeit vom Abrieb der eigenen Persönlichkeit. Was nützt Dir das?
JM: Also wenn ich Künstler bin, bin ich das ja nicht, damit mir das was bringt. Vielleicht bin ich gar kein Künstler. Das weiß ich nicht so genau. Ich spekulier' jetzt mal: Vielleicht bin ich das, vielleicht bin ich aber auch nur ein Kind, oder ein Glücksspieler, oder ein Ritter, oder ein Soldat... Ich kann die Kunst nicht für mein Glück missbrauchen. Kunst macht mich nicht glücklicher oder unglücklicher.
KW: Was ist dann in der Kunst erfahrbar?
JM: Die Kunst ist für mich nicht erfahrbar. Die Kunst soll erfahren. Die Kunst soll stattfinden. Ich glaube, dass der Mensch dazu verdammt ist, in seinem Leben eh nichts zu erleben. Wir bestehen aus Stoffwechsel, aus Blut, das in den Adern rauscht, Verdauung und Atmung. Das ist es, was uns alle verbindet. Das macht uns zum Menschen.
KW: Das sind aber weniger humane Züge, als einfache biologische Prozesse. Was ist dann im Gegensatz dazu Kunst?
JM: Das ist von sich absehen - und dann hochrechnen. Das Ich aus dem Spiel halten. Das macht Dich letztendlich zu dem, was du sein sollst. Alles andere ist Abgrenzung. Das Ich in den Vordergrund zu spielen ist Massenindividualität. Das bringt nichts.
KW: Aber gerade Du arbeitest tatsächlich wenn nicht „mit" Deiner eigenen Persönlichkeit, denn vielmehr „durch" sie...
JM: Sie arbeitet nicht durch mich. Ich bin demütig und dann tut die Kunst, was sie will. Das tut sie eh. Und das einzige, was ich tun kann, ist demütig sein. Ich kann mein Ich nicht ins Spiel bringen, weil mein Ich spielt sich selber. Vielleicht bin ich die Kugel im Roulette. Aber noch nicht mal das. Man sollte über sich kein Aufhebens machen. Ich kann von mir nichts ableiten und dann der Kunst zuführen. Die Kunst führt ja alles selber zu sich, was sie will, nicht was ich will. Ich kann mich ja nicht zum Maßstab machen. Dann geht es nur noch um Geschmack. Dann geht's nur um Mickrigkeit. Deshalb kann eine eigene Welt niemals utopiefähig sein.
KW: Du sprichst auch von der Revolution der Kunst. Muss die Kunst denn unbedingt totalitär sein? Ist sie damit nicht menschenfeindlich oder sogar geistesfeindlich? Wie ist das Verhältnis zwischen Macht und Kunst?
JM: Die totale Kunst erlaubt das totale Spiel. Wir haben diese Begriffe falsch zugeordnet und wir sollten diesen Begriffen die Möglichkeit geben sich zu neutralisieren oder umzuformen. Die Diktatur der Natur ist nichts Negatives. Das ist die Diktatur der Kunst natürlich auch nicht. Sie ist im Grunde genommen das ultimative Kunstwerk. Also die einzige Alternative wie Atmung und Stoffwechsel. Es geht ja nicht um den Dik-ta-tor der Kunst. Die Leute verwechseln das immer, die meinen immer, man meint jetzt einen Bevormundungsstaat, man meint jetzt einen Menschen, der wieder Macht über andere hat. Gerade darum geht's nicht. Es geht darum, der Sache die Macht zu geben, die sie braucht. Kunst ist eben unteilbar. Man kann sie nicht erweitern und man kann ihr auch nichts nehmen. Und wenn es um die Diktatur der Kunst geht, dann geht es darum, dass ein Spiel gespielt wird - ohne Ritual.
KW: Diese Begrifflichkeiten um Diktatur und Macht können viele Menschen irritieren...
JM: Menschen gehen mit Wörtern nostalgisch um. Diktatur ist kein negativer Begriff. Der ist besetzt. Aber wenn Du sagst: Die Diktatur des Haifisches oder die Diktatur des Wassers, dann hat keiner ein Problem damit. Es geht darum, dass diese Wörter sich aus sich selbst wieder neu zusammensetzen und etwas beschreiben, was es eben noch nie gab. Also ich mit meiner mickrigen Sprache komm' dem Phänomen nicht nahe, weil es das ja noch nicht gab. Das wird sich dann, wenn es kommt, natürlich ganz anders formulieren und eine überraschende Sprache erzeugen, die wir noch nicht kennen. Hier wird über eine Ultra-Vision geredet, die aber nicht Menschen-Ursprungs ist, sondern natürlichen Ursprungs der Sache. Wie man sich auch Stalin nicht vorstellen konnte, bevor er kam, kann man sich das, was jetzt kommen wird, natürlich auch nicht vorstellen.
KW: Trotzdem versuchst Du ja auf das Kommende einen Ausblick zu geben, Du bedienst Dich gewisser Formen des künstlerischen Ausdrucks, um das zu kommunizieren. Woher weißt Du selbst, was am Ende der Revolution der Kunst kommen soll?
JM: Man muss doch nur die Augen aufmachen und sehen, dass wir an Endpunkten sind und das einzige, das einzig ultra-utopische ist die Machtergreifung der Kunst...
KW: ...welche Endpunkte!?
JM: Ähm, das spürt man überall und nirgends. Mit Nostalgie kommen wir nicht mehr weiter. Es hat politische Parteien gegeben, es hat Führer gegeben, es hat die Wirtschaft gegeben, Soziales gegeben - das haben wir alles durchgespielt. Warum wieder einen König? Warum wieder einen Führer? Warum wieder Demokratie? Warum!? Das hat's doch alles schon gegeben! Deshalb lass doch mal was Neues ran, was es noch nie gab! Zur Kunst gibt es keine Alternative. Die Kunst an der Macht hat es noch nie gegeben. Es hat Künstler an der Macht gegeben, aber darum geht es nicht. Die Parlamente werden sozusagen sich öffnen für die Kunst - nicht als Dekoration, nicht das, was jetzt versucht wird, dass die Kunst Dienstleistung für Politiker oder Politisches wird. Kunst ist ja ihre eigene Politik. Sie ist nicht gekoppelt an Menschenpolitik, sondern sie ist ihr eigenes Ding. Warum erwarten wir nicht das Neue einfach? Wir wollen uns und allen immer Hürden in den Weg stellen. Und die größte Hürde ist das Ich.
KW: Und wie überwindest Du das Ich?
JM: Indem man spielt. Nur spielen, rituallos spielen. Es geht nicht um Ausgrenzung, es geht nicht darum, wer mitspielen darf und wer nicht. Das ist im Spiel der Kunst völlig anders. Jeder kann vorbedingungslos mitspielen. Und zwar wie-er-will. Wie-alles-will. Es gibt keinen Gott, an den ich mich richten kann. Ich muss rumhampeln. Einfach so, wie ein Tierbaby. Loslegen. Das macht man ja jetzt schon, in dem gegebenen Rahmen, nicht? Das einzige und die einzige Grenze, die sichtbar ist, ist die mickrige Realität des Menschen. Das Ich muss überwunden werden. Wenn ich mein Ich zum Maßstab mache, werde ich immer andere bevormunden.
Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews - A Personal Insight - in Kürze im creative face Magazin.





