
Christian Korth 'Last Boat to Reality', 2008, boat, water bottles, beer bottles, foil, water, clock, t-shirt, broom, 215 x 115 x 150 cm / courtesy Galerie Birgit Ostermeier
Tom Felber für ceative face Magazin
Die Ausstellung You will never be the same, you will never change, it will be a long time in der Galerie Birgit Ostermeier zeigt neue Arbeiten der beiden für den in Berlin lebenden Künstler Christian Korth (geb. 1972 in Seattle, USA) charakteristischen Werkgruppen. Tom Felber vom creative face Magazin traf Christian Korth anlässlich seiner Ausstellung.
creative face MAGAZINE: Nach Ihrer letzten Ausstellung in 2007 zeigen Sie mit You will never be the same, you will never change, it will be a long time zwei verschiedene Werkgruppen - kleine Bronze-Plastiken und Assemblage. Wie gehören diese zusammen?
Christian Korth: Als Parallele zu meiner Zweisprachigkeit, entdecke ich auch in der Kunst die Möglichkeit mehrere Arbeitsweisen zu verwenden. Alle Themen oder Ideen die ich in meinen Werken verfolge, sind nicht von vorn herein auf eine Arbeitsweise festgelegt. Diese offene Denkweise verlässt sich voll und ganz auf die gegebene Situation und Zeit, in der ich mich befinde und die eine Arbeitsweise bestimmen und hervorbringen kann. Die plastische Arbeit an den figurativen Bronzen erlaubt mir frei zu definieren und zu realisieren in jeder Hinsicht, da die Arbeitsweise dies hergibt. Die Assemblagen beinhalten Gewähltes. Ich erzeuge nicht primär, sondern sekundär und suche und finde das einzelne des Ganzen. Die Suche nach speziellem ist offen gegenüber der Welt, auch während des eigentlichen Arbeitsprozesses. Gleichzeitig ist die Wahl des Inhalts immer diejenige des Gefundenen nach der Suche, und somit begrenzt auf das, was es im Einzelnen ist. Die plastische Arbeitsweise für die Bronzen ist in diesem Aspekt viel offener, jedoch kettet sie mich an den Arbeitsplatz, modellierender weise. In den letzten Monaten habe ich eine neue Arbeitsweise entwickelt. In der U-Bahn inspirierte mich die Glas-Kratz-Methode der „Taktfreudigen Mitfahrer". Ich kratze auf Glas, und möchte grundsätzlich das Zeichnen vermeiden, indem ich Wörter und Sätze in einer Art Sinnfluss nutze. Die Sätze überlagern sich, so dass diese größtenteils unlesbar und somit wieder zur Zeichnung und Bildgestalt werden. Dies repräsentiert die Chaos-Kraft, die ich in den Graffiti-Glas-Kratz-Methode sehe und eben deren Willen ihren Ausdruck und ihr „Gut" soweit wie möglich und so oft wie möglich wiederzugeben. Diese Arbeitsweise ist zu meiner direktesten geworden, während die anderen Zeit und/oder Organisationskraft benötigen. Wie Sie sehen, ist es also nur eine Frage der Zeit und der stetigen Veränderung, welche die Art und Weise bestimmt. Das Verfahren als solches zählt nicht. Klarheit und adäquate Manöver die zum Ziel einer Expression führen sind Zentren der Materialwahl und seiner Erscheinung als Kunstwerk.
cfM: Für Ihre Skulpturen verwenden Sie häufig Bronze oder Plastikfolie. Warum haben Sie sich gerade diese Materialien ausgesucht? Möchten Sie Ihre Aussagen für die Nachwelt konservieren?
CK: Natürlich glaube ich an die Zeit als eine Art von Transportmittel. Ich wäre wohl kein Künstler, tät ich das nicht. Und ich hoffe die Zeit wird meine Arbeiten „transportieren", ihre Geschichte aufdecken und sie somit das Ziel ihrer Existenz erreichen lassen. Ja, ich habe durchaus absichtlich Bronze als dauerhaftes Material gewählt, welche aber meiner Ansicht nach auch einen irrealen Aspekt besitzt. Bronzegießereien geben 750 Jahre Garantie auf Bronzegüsse. Das zeigt auf, welches Zeitpotential darin enthalten ist und ich mag einen Zustand von Kunst, der dem Kunstwerk erlaubt als Artefakt durch die Zeit zu gehen. Die Assemblagen sind jedoch verglichen damit eher temporärer Natur. In manchen Fällen sind sie sogar absichtlich für kurzfristige Ereignisse gemacht, im besonderen die größeren Arbeiten oder diejenigen, die als Kunst im Öffentlichen Raum erschienen, wie das Projekt „U2 Alexanderplatz", an dem ich 2007 teilnahm. Die Folie ist aus meiner Sicht kein Konservatorium. Eher ist sie ein temporäres und sehr empfindliches Schutzschild und von daher vielmehr noch ein Fenster. Abstrakt betrachtet kann man die Folie sogar als 3D-Fotooberfläche sehen. Diese Oberfläche befreit bis zu einem gewissen Grad auch die darin enthaltenen Gegenstände von ihrer physikalischen oder haptischen Existenz. Einfach gesagt: unberührbar, nur sichtbar. Diese Transformation erlaubt es die beinhalteten Dinge eher wie Worte in einem Gedicht oder Sätze in einer Erzählung zu benutzen.
cfM: Ihre letztjährigen Folien-Objekte 'Baumhaus' oder 'Tag am Wasser' scheinen Erinnerungen aus der Kindheit zu sein. Ist 'Last Boat to Reality' Ihre Erwartung für die Zukunft? Brauchen wir eine Arche Noah?
CK: 'Last Boat to Reality' ist eine Rekonstruktion eines Gedankens oder eines Traums. Eine Art Seelenretter, eine Umkehrung dessen, was als „Seelenverkäufer" bezeichnet wird. Dieses Bild eines kleinen mir bestimmten Bootes verfolgt mich schon sehr lange. Es repräsentiert Rüstung und Schild einer Person, sowie es auch totale Vereinsamung abbildet und das Ende reflektiert. Es ist der Ort des Rückzugs, in welchen nur eine Person sich begeben kann. Umgeben vom Übel (metaphorisch anwesend durch Scherben von „Alkohol-Flaschen"), könnte das Gewicht bei fehlender Vorsicht beim Einsteigen zum Sinken des Bootes führen. Das Wasser innerhalb des Bootes lässt die Gedanken der Sicherheit und der Gefahr verschmelzen. „Last Boat to Reality" ist für mich zeitlos. Und ja, mit Sicherheit brauchen wir die Arche Noah. Ein Fehlen dieser Erzählung in unserer Kultur wäre durchaus vergleichbar mit einem Verlust der Geschichte des Turmbau zu Babel oder eines Ablehnens irgend eines anderen Mythos. Ich unterschätze Mythen und ihre Kraft nicht. Im Besonderen in ihren Art und Weise Zeitlos in ihrer Interpretation zu sein, kann ich gar nicht anders als für sie zu kämpfen.
cfM: Ist Ihre Kunst sozial- oder Politik-Kritisch?
CK: Ich bevorzuge zu behaupten meine Werke haben eine soziale Wirkung. Eine kleine, aber auf lange Zeit angelegte Wirkung kann sogar sehr persönlich sein. Ein Freund und Künstler von mir, Dag Waldhoff, hatte einmal die Idee einen ganzen Baum samt Wurzeln und Erde über eine Distance zu schleudern, um diesen wie einen Raketeneinschlag zu „pflanzen", das Wachstum des Baumes stellvertretend für eine Explosion. I mag diese Idee von Energie um längen mehr als das schnelle und furiose Management der Politik. I glaube an soziale Veränderung, aber nicht an politische Aussagen. Und verteilt über vielerlei Länder und Sammler, können meine Werke wie eine Erinnerung an eine Geistesauffassung sein, manchmal an die Oberfläche kommen und in der Öffentlichkeit sichtbar werden.
cfM: Sie wurden in den USA geboren und leben und arbeiten nun in Berlin. Gibt es irgendetwas, was Berlin Ihrer Meinung nach für einen Künstler besonders, einzigartig macht? Inwieweit beeinflusst Sie ihre Umgebung, in diesem Fall Berlin, Ihre Arbeit?
CK: Ich kann nicht verallgemeinert über "leben in Berlin" sprechen. Jeder findet und bildet seine Umgebung. In welchem Ort eine Person lebt, kann manchmal irritierend unwichtig sein. Mit Sicherheit braucht es Zeit sich an eine Umgebung zu gewöhnen, sich auf seine eigene Art zu integrieren. Diese Adaption und Gewöhnung an eine neue Kultur habe ich als Kind mit 9 Jahren erlebt, als meine Eltern aus den USA auswanderten nach Deutschland. Es brauchte 5-7 Jahre eine für mich akzeptable Weise zu erlernen, mit und in Deutschland zurechtzukommen. Dennoch habe ich in mir das Gefühl eines entwurzelten Individuums. Berlin hat viele Menschen, die diese oder ähnliche Gefühle zeigen, weil sie sich frei fühlen es zu zeigen. Genau dieses liebe ich an Berlin, in der Stadt umherzugehen, U-Bahn fahren und all die Unterschiedlichkeiten sehen, sehr oft ohne Maskierung, klare, behauptend und da. Jede direkte Umgebung hat Einfluss auf meine Arbeit. Meine Arbeit ist mehr von der menschlichen Umgebung geprägt, als dass sie einen Einfluss anderer Kunst in Anspruch nimmt.
cfM: Wenn Sie nicht in Berlin leben und arbeiten würden, wo wären Sie am liebsten?
CK: Gerade heraus gesagt, ich würde gerne mal in Istanbul für ein, zwei Jahre leben. Ich liebe Städte, die eine unfassbar gewaltige und vielleicht auch mysteriöse Kultur und sozialen, religiösen Hintergrund besitzen. Nun, da gibt es noch eine eher undeutliche Idee eines Tages in Vancouver zu leben. Aber das sei eine rückwärts gerichtete Idee, denn in dieser Region wurde ich geboren.
cfM: Vielen Dank für das Interview.






