
Andrea Bender 'Wohl bekomm's', 2008, 40 x 50, Acryl auf Nessel / courtesy jörgheitschgalerie, München
Tom Felber für ceative face Magazin
Die großformatigen Gemälde von Andrea Bender entführen uns kompromisslos, mit viel Sarkasmus und Ironie in die Abgründe der bürgerlichen Gesellschaft. Da erhebt sich der Mob im Trachtenkostüm, bayrisch Urtümliches mischt sich mit heimatlicher Idylle, androgynverzerrte Putten wagen obszöne Tänze vor barocker Kulisse. Eine Welt außer Rand und Band - Wohl bekomm‘s! Unter diesem Titel zeigt die jörgheitschgalerie, München bis zum 8. November 2008 Gemälde von Andrea Bender. Dabei genießt die Künstlerin bereits die Aufmerksamkeit prominenter Sammler. Das Herzstück der aktuellen Ausstellung, das Bild mit dem Titel 'Traubenklauben', wurde für die Sammlung von Guido Westerwelle und seinen Lebensgefährten Michael Mronz erworben.
Andrea Bender (geb. 1972), Meisterschülerin von Dieter Krieg, kam mit Jörg Immendorff, bei dem sie ihr Kunststudium am Frankfurter Städel begonnen hatte, an die Kunstakademie Düsseldorf und schloss 1999 ihr Studium dort ab. Ein Stipendium des DAAD führte sie 2004/2005 nach Wien. Der Aufenthalt in der österreichischen Kaiserstadt schlägt sich in den Motiven umfangreicher Werkgruppen deutlich nieder. Bender bedient jedes Klischee des Wiener Schmäh und alpenländischen Flairs und hinterfragt mit vergnügtem Sarkasmus die bürgerlich-spießige Kaffeehausromantik und die pompös barocke Üppigkeit der Residenzstadt an der Donau. Gegenwärtig lebt und arbeitet Andrea Bender in Düsseldorf und Duisburg.
Andrea Benders Malereien wirken farbenfroh und heiter - auf den ersten Blick. Das lustige und frohe Anmuten leuchtender Farben, das haptische Element des gestischen Farbauftrags zieht uns an, bewirkt Interesse und den Wunsch, sich näher mit den Arbeiten zu beschäftigen. Erst dann erkennen wir, dass Andrea Benders Malereien alles andere als harmlos und leicht verdaulich sind. Körper, ausufernd und aus der Form geraten, bevölkern diese grotesken Szenarien: Üppig wuchernd erinnern sie an Rubens - in ihrer rüden Fleischlichkeit und ihrer Disproportioniertheit an den frühen Baselitz. Dabei geht von ihnen eine eigenartige Ambivalenz von erdrückender Dominanz und tragischer Dekonstruktion und Auflösung aus. Es sind Körper, die selbst Opfer ihrer eigenen Hypertrophie geworden sind, die von ihrem eigenen Ballast erdrückt werden, das wabernde Fleisch löst die Körpergestalt in seiner zerfließenden Formlosigkeit und zersetzenden Proportion regelrecht auf. Bei Bender werden diese Körper zum Ausdruck einer ganzen Gesellschaft. Inmitten bürgerlicher Zivilisation und Idylle öffnet sich der Blick auf deren fratzenhafte Abgründe und Gegenwelten, die sie selbst gebiert - die Physiologie wird zum Psychogramm.
Die malerischen Mittel begleiten und unterstreichen diesen Eindruck: Pastoser, dicker und schwerer Farbauftrag, wechselt mit aquarellartiger Transparenz, in der die Körper von ihrer Umgebung wehrlos durchdrungen und zersetzen werden. Zeichnerische Mittel streiten mit reiner Malerei um Vorherrschaft. Was zum Teil wie eine aquarellartige Karikatur daherkommt, formuliert Bender im riesigen Format, dem sich der Betrachter nicht entziehen. Auf formaler und gestalterischer Ebene führen diese Gegensätze vor, was auf inhaltlicher Ebene an Aggression und Humor, an Leichtigkeit und Schwere, an Ironie und Tragik, an Physis und Psyche, an Idylle und Alptraum aufeinander stößt und sich ständig durchdringt.
„Je tiefer man eindringt in die Bildwelt, verknüpft mit der Erinnerungswelt jedes einzelnen Rezipienten, desto deutlicher wird, dass Begriffe wie Widersprüchlichkeit, Ambivalenz und Vieldeutigkeit die Arbeit besser treffen als eine stringente Analyse" beschreibt die Künstlerin selbst eine Annäherung an ihr Werk.
Der entscheidende Baustein in Benders Bildkonzept ist am Ende allerdings der Betrachter. Alle Bilder sind unmissverständlich und konsequent auf ihn hin komponiert, der unmittelbar angesprochen wird und der, ohne sich wirklich entziehen zu können, zum Teil der Bildwelt wird. Malerisch versiert und genau beobachtet erzählt sie uns schonungslos ehrliche Interpretationen gesellschaftlichen Lebens und macht dem Betrachter deutlich, dass er allein es ist, der die Widersprüche der Welt zur Kenntnis nehmen und eine Position dazu beziehen muss.


